Hintergrund

„Sie sind doch auch Kinder Gottes“

 

Ribera ist eines dieser kleinen, trostlosen sizilianischen Dörfer, die sofort vergisst, wer sie  durchquert hat.   Eine syrische  Familie hat diese Chance nicht. Die Hauptstraße führt gerade durch den Ort und leicht ansteigend  direkt auf den Friedhof zu, der schön ist und gepflegt, viele Blumen an den Gräbern.  Auch an der Wand mit Grabnischen, neben der sich der Blick öffnet über eine weite grüne Hügellandschaft. Auf der Marmorplatte, die die zweite  Sargnische  verschließt, ein ovales Foto.  Ein Junge, große dunkle Augen, ein schüchternes Lächeln, schmale Schultern. Muhammed Abdullah steht darunter und zwei Daten: 3.3. 2010 und 2.4. 2014. Das Boot, auf dem er mit seiner Familie gewesen war, sank vor Sizilien.  Die Eltern, die gerettet  wurden, waren sich sicher, dass auch ihr Sohn noch lebt.  Setzten  noch monatelang auf das  Chaos einer Bergungsaktion   und dass er irgendwo in Italien auf sie wartet.  Auch im italienischen Fernsehen ließen sie nach ihm suchen. Einer erkannte den vierjährigen Jungen auf dem veröffentlichten Foto. Es war der Arzt, der die Autopsie an dem toten Kind vorgenommen hatte. Das Letzte, das die Eltern für ihren Sohn tun konnten, war, dieses Foto an seinem Grab anbringen zu lassen und seinen Namen.

„Könnt ihr Flüchtlinge aufnehmen?“ Die Frage wird vielen Bürgermeistern vieler europäischer Gemeinden gestellt. In Sizilien aber sind nicht immer lebende Migranten gemeint. Seit manche  Friedhöfe    wie der auf Lampedusa überfüllt sind, werden die Leichen der im Meer  Ertrunkenen   verteilt im ganzen  Land.  In der Totenhalle von Messina steht ein Regal mit 32 Särgen.  An einem das Schild „Leichen zum Weitertransport“. Im Regal daneben ein kleiner weißer Kindersarg. Ein Mädchen, sagt man uns, etwa drei Jahre alt. Am Rand des zweitgrößten Friedhofes von Italien ist ein riesiges  Feld angelegt  nur für Flüchtlingsgräber.  Man will vorbereitet sein.

Auf dem Friedhof Piano Gatta in Agrigent sind in fünf Grabhäusern 80 Flüchtlinge bestattet. An den meisten Sargnischen nur eine Nummer. Aber es gibt auch Fotos. Eine junge Frau, darunter zwei Kinderfotos, gleicher Nachname. Neben dem Frauenbild ein roter Pfeil, der auf das Baby weist, das sie im Arm hält. Es waren drei kleine Kinder, mit denen die Mutter gestorben ist.

In Syrakus finden sich zwei Dutzend neue Gräber mit alten Toten. Sie gehörten zu jenen, deren Leichen im Sommer 2016 vor Augusta aus dem Bug eines ein Jahr zuvor  gesunkenen Schiffes geborgen wurden. Statt eines Namens steht auf den Grabstein „Unbekannt“ und eine Nummer. Wie auf zwei Dritteln der Flüchtlingsgräber. Scicli ist  ein Ort in dem von tiefen Schluchten durchschnittenen  Teil des Landes im Süden. Der Friedhof des Ortes ist groß, ein verwirrendes Durcheinander, das entsteht, wenn mit individuell  gestalteten Gräber die Individualität des Verstorbenen noch im Tod bewahrt werden soll. Aber schon aus der Ferne von der anderen Seite des Tales erkennen wir die Flüchtlingsgräber. Denn sie  unterscheiden  sich dadurch, dass sie gleich sind. In gerader Linie angeordnet wie Kriegsgräber der unbekannten Soldaten. In Santa Croce sind an kleinen Eisenkreuzen Blechplaketten mit den wenigen Daten der Toten befestigt. Die Plaketten erinnern an die Kennmarken, die Soldaten mit sich tragen, um im Fall ihres Todes identifiziert werden zu können.

Es sind viele, zu viele. Ein Friedhofsmitarbeiter in Catania erzählt: „Früher haben wir sie ohne Sarg begraben, da, wo gerade Platz war.“ Und er setzt hinzu: „Die  finden wir  nie wieder“. Aber auch hier gibt es neben einem Denkmal ein Grabfeld, ein großes. Über Erdhügeln etwa hundert Eisenstäbe mit kleinen Metallschildern daran. Auf vielen der Schilder steht mehr als eine  Nummer.

Das älteste Flüchtlingsgrab finden wir auf Lampedusa. Es stammt aus dem Jahr 2000. Unweit davon eine üppig bepflanzte Fläche mit   vielen  Gräbern und Holzkreuzen, bunt mit abgeblätterter Farbe. Sie wurden gefertigt aus den Resten der gestrandeten Flüchtlingsboote.

Forza d` Agro liegt hoch über dem Meer nahe   Taormina. Obwohl das erste Mal da, kommt der Besucherin vieles bekannt vor. Coppalla  drehte hier  für „Der Pate“.   Es ist ein würdevolles  Grabfeld, das  auf dem Friedhof des Ortes  für die toten Flüchtlinge angelegt wurde. Vor einer strahlend weißen Wand  zwölf  Tafeln aus schönem altem Holz, vor jedem ein Blumenstock, gleich, aber in unterschiedlichen Farben.   Auch in Corleone gibt es Flüchtlingsgräber mit vielen Blumen. Eine  Stunde Fahrt entfernt der Ort San Biagio Platani. Wir kommen in der Mittagshitze an, fragen eine Frau, die auf ihrer Terrasse gerade Wäsche aufhängt, nach dem Friedhof und  Flüchtlingsgräbern. Sie setzt sich sofort in ihr Auto, fährt uns voraus und erklärt vor Ort, wo hinter einer Mauer Gräber sind mit Fotos von jungen Männern, die sich mehr als das erhofft hatten von Europa. Die Frau erzählt, dass zum  Begräbnis ein Gottesdienst stattgefunden habe in der katholischen Kirche der Gemeinde, zusammen mit muslimischen Geistlichen.

„Sie sind doch auch Kinder Gottes“. Immer wieder dieser Satz, wenn wir mit Friedhofsangestellten sprechen.  Auf den katholischen Friedhöfen von Sizilien spielt es keine Rolle, dass die meisten der toten Flüchtlinge Muslime gewesen sind. Oft liegen ihre Gräber direkt zwischen und neben der von italienischen und katholischen Verstorbenen.  Eine ganz besondere Art der Versöhnung der Religionen. Und eine  traurige Tatsache. Im Tod gelingt den Flüchtlingen die Integration in die europäische Gesellschaft schneller als sie es vielleicht im Leben gewesen wäre.

Wenn die fremden Toten begraben werden in Sizilien, steht nie nur einer an ihrem Grab, sondern viele, die sie nie gekannt hatten. In Messina wurde 2014 der kleine  Sarg des vierjährigen syrischen  Jungens Ahmed auf dem Platz vor dem Rathaus aufgebahrt. Es gab eine große Trauerfeier, die Rede hielt der Bürgermeister.    Als wir das Grab des Jungen auf dem Friedhof der Stadt suchen, sagt eine Angestellte: „Letzte Woche hatten wir eine Lieferung mit Kindern.“ Tote Flüchtlingskindern sind  gemeint. Wenn etwas alltäglich wird, begegnet man ihm irgendwann auch mit Alltagssprache. Schuld der Frau ist es nicht.

An einem Grabfeld in Pretalia Sottano hängt ein Schild mit einem Zitat des dortigen Bürgermeisters. Darin heißt es: „Die Zahlen, die ihre vom Meer ausgelöschten Namen überdecken, sollen nicht Quelle einer flüchtigen Erschütterung sein, sondern Mahnung an das Gewissen, um eine neue Menschlichkeit zu gestalten.“

In Castellamare del Golfo ist   eine Art Seperatfriedhof für Flüchtlinge angelegt worden. Kein billiges Armengrabfeld, sondern viele weiße Marmorgrabsteine auf grünem Rasen, dazu eine Gedenktafel. Und nun  eine Anmerkung, deren Notwendigkeit in Sizilien niemand verstehen würde. In Castellamare del Golfo ist an dieser Gedenkstätte für die Opfer des Versagens der Weltpolitik  kein Wachschutz nötig. Nie ist nur ein sizilianisches Flüchtlingsgrab   geschändet worden.

Heidrun Hannusch